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MEIN HAUS

Die Geschichte meines Diploms in sechs Kapiteln

Gliederung

Prolog

Kapitel 1

Auf der Suche nach der Form

Kapitel 2

Gedanken werden zu Raum

Kapitel 3

Einfacher ist mehr

Kapitel 4

Mein Ort in Polen

Kapitel 5

Die Idee vom Haus

Kapitel 6

Das Haus der Idee

Epilog

Prolog

»Es ist das Unglück, dass Würde und Feinheit von Gedanken oft von den Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, so dass einer, der sein Leben lang in einer Art von länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt findet, wie viel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.«

Christian Morgenstern

Kapitel 1

Auf der Suche nach der Form

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Abb. (1-25)

Vor 4 Monaten habe ich mich entschieden mein eigenes Haus zu entwerfen. Ich habe mich gefragt, ob man ein Haus nicht auch anders bauen kann als es die herkömmliche Bauweise vorgibt. Normalerweise ist ein Haus von außen hart und wird durch die Möblierung nach Innen weich und amorph. Ich wollte es andersherum versuchen. Als Beispiel habe ich mir den Menschen vorgestellt, der von außen weich ist und nach innen durch das Skelett hart wird.

Ich überlegte mir, welche Rolle die Architektur für mich spielt. Werde ich durch die Architektur beeinflusst?

Ja! War meine Antwort.

Die Architektur beeinflusst mich. Deswegen war es mir wichtig, das Haus so zu gestalten, dass es im Einklang mit der Natur steht. Da ich die Natur mit den Vier Grundelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde verbinde, fing ich an diese Elemente näher zu untersuchen.

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Abb. (2-25)

Um besser die Bewegung und die Struktur der Elemente zu verstehen habe ich jedem einzelnen je ein Tier und ein Material zugeordnet. Für das Feuer steht das Pferd und das Metall, für das Wasser der Fisch und das Glas, für die Luft der Adler und das Holz und für die Erde der Steinbock und der Stein. Zudem ordnete ich den Elementen intuitiv auch Formen zu welche man in der Abbildung 2-25 erkennen kann.

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Abb. (3-25)

Die Vier Elemente können nur im gemeinsamen Wechselspiel existieren.
Damit zum Beispiel ein Feuer brennen kann, werden alle drei anderen Elemente benötigt. Die Flamme brennt nicht ohne Luft. Das Brennholz braucht die Erde und das Wasser zum wachsen.
So können auch bei meinem Entwurf die entsprechenden Bereiche ihre Kraft nur durch die Anwesenheit der Gegensätze voll zum Ausdruck bringen.

Kapitel 2

Gedanken werden zum Raum
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Abb. (4-25)

Nach diesen Überlegungen ist das erste Model entstanden. Ich habe aus allen Materialien gleichzeitig versucht eine Impression von einem Haus nach meinen Vorstellungen zu erschaffen. Dabei habe ich jedoch festgestellt, dass in dem Ganzen Bild ein wichtiges Element fehlt, nämlich der Mensch. Daher stellte ich ihn gleichwertig mit den anderen vier Elementen als ergänzendes, fünftes Element dazu und ordnete ihm Kunststoff als Material zu. Der Kunststoff bedeutet hier, durch das Wissen verarbeitete Natur, denn einen Wohnraum neu zu erschaffen bedeutet auch immer ein Stück Natürlichkeit durch etwas Künstliches zu ersetzen.

Auf dieser Skizze (4-25) sieht man, wie den Elementen ihre räumlichen Funktionen zugewiesen sind. Zum Beispiel steht das fünfte Element für das Atelier und den Technikraum, das Feuer für die Küche, das Wasser für die Sanitäranlagen, die Erde für den Schlafraum und die Luft für die freie Zone.

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Abb. (5-25)

In diesem Model habe ich versucht mich einer Form zu nähern, die die Funktionen konkreter umfasst. Bei diesem Versuch fiel mir auf, dass die amorphe Form die Geometrie zu sehr dominiert hat. Deshalb entstand nun das dritte Modell.

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Abb. (6-25)

In diesem Model ist es mir gelungen die beiden Kriterien des Amorphen und des Geometrischen zu verbinden. Ich wäre bei diesem Modell geblieben, wenn ich mich nicht gefragt hätte „wieso willst du die Natur, die sich ständig verändert in einer Form fest halten?“ Egal wie spannend diese Form sein mag, sie würde nie die Natur abbilden können, sondern immer nur der Versuch einer Kopie bleiben. Ich sah sogar die Gefahr, dass die Form im Laufe der Zeit für mich unerträglich werden könnte und mir wurde klar, dass ich noch mal neu anfangen muss.

Kapitel 3

Einfacher ist mehr

Ich musste nicht lange verzweifeln, denn am selben Tag kam Philip, mein Studienkollege und sagte:



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Abb. (7-25), Abb. (8-25), Abb. (9-25)

„Ich kann zwar einen Designstuhl entwerfen, aber ich kann nur einen einfachen Stuhl bauen.“ Auf die Frage „Wieso?“ antwortete er: „Auf einen einfachen Stuhl kann sich sowohl eine junge Frau, als auch eine alte Frau setzen. Aber auf einem Designstuhl fühlt sich nicht jeder wohl.“

Dies hat mich inspiriert und zu weiteren Überlegungen zu diesem Thema gebracht. Ich bin zu folgender These gekommen: Wenn man auf einem einfachen Stuhl sitzt, definiert man sich selbst. Man fragt sich „Wer bin Ich?“. Wenn man auf einem Designstuhl sitzt, definiert uns der Stuhl. Man fragt sich „Wie setze ich mich passend zu dem Stuhl hin?“. Diese These kann man auf die Architektur übersetzen. Im Alltag frag ich mich oft, wer ich bin und wohin ich gehe. In meiner Studienzeit habe ich gelernt, dass mich die Form meines Entwurfes zum Teil definiert. Wenn ich eine Form entwerfe, identifiziere ich mich mit Dieser. Das Leben ist ein Prozess, eine Veränderung und die Formsprache, die mir heute entspricht, kann schon morgen oder eines Tages eine ganz andere sein. Deswegen ist der Bau eines eigenen Hauses sehr verantwortungsvoll und persönlich. Es kann sein, dass die Form, die mich heute beschreibt, in ein paar Jahren nicht mehr für mich steht. Daher habe ich mich für eine einfache und klare Formsprache entschieden, die ich dank meiner Vorstellungskraft und der individuellen, innenräumlichen Gestaltung immer wieder neu entdecken und erleben kann. So kam ich nach diesem Entwurfsabschnitt zu dem Ergebnis, dass ich nicht, wie am Anfang beschrieben auf eine neue Art und Weise bauen muss um eine angemessene Formsprache zu entwickeln. Es ist vielmehr die Wandelbarkeit innerhalb einer klaren Form die die Qualität auszeichnet als ein offensichtliches Umkehren bestehender Bauweisen.
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Abb. (10-25)

Auf dieser Skizze erkennt man die Metamorphose, die in dem Entwurfsprozess entstand. Die Form ist einfach, der Entwurf hebt sich von der Natur ab und doch bleibt er ein Teil von ihr. Es entsteht eine klare Kommunikation zwischen der Natur und der Geometrie des Entwurfes.

Kapitel4

Mein Ort in Polen

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Abb. (11-25), Abb. (12-25)

Der Ort Poreba Wielka liegt im Süden von Polen und entstand bereits im XII Jahrhundert. Der Namen des Dorfes bedeutet große gerodete Fläche. Vermutlich entstand diese Siedlung um Reisenden auf dem Handelsweg zwischen Krakau und Spisz eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Poreba Wielka wird von den drei Gebirgen Beskidem Wysokim, Beskidem Niskim und Gorcami umgeben. Die Gebirge sind unterschiedlich bewaldet und man findet hier zahlreiche heiße Quellen mit heilendem Wasser.Mein Entwurfsgelände gehört zu einem Nationalpark, welcher jedoch eine Beplanung teilweise zulässt. Dieser Ort hat durch seine Lage enorm viel zu bieten, da er nur 60 km von der Metropole Krakau entfernt aber dennoch mitten in der Natur liegt. Außerdem entstehen in der Region gerade viele neue Arbeitsplätze durch die Erschließung der heißen Quellen.

So eröffnen sich kulturelle Angebote (Theater, Universität) in Krakau, Möglichkeiten die Natur zu genießen und zudem ökonomische Anreize (durch die Erschließung der heißen Quellen), welche mich dazu bewogen haben, diesen Standort, als Grundstück für meinen Entwurf zu wählen.

Das Haus liegt mitten in der Natur auf einem Berg, genau über den heißen Quellen. Die Hauptachse des Entwurfs weist nach Krakau.

Kapitel 5

Die Idee vom Haus
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Abb. (13-25)

Die Hauptachse des Gebäudes wird durch ein Holzpodest beschrieben, das auf einer Seite auskragt und auf der anderen Seite bündig in die Erde läuft. Dieses Podest wird von Baumreihen gesäumt, welche die Achse in beide Richtungen kontinuierlich fortsetzen. So soll diese Situation einen nie endenden Weg symbolisieren und so die Grundstücksgrenzen bildlich aufbrechen.

Orthogonal zu dieser Achse laufen Stege, welche zu zwei abgetrennten Baukörpern führen. Der Erste dieser beiden Baukörper schwebt auf einer Wasserfläche und der zweite kragt zur Straße hin aus. Die beiden Baukörper verbindet ein Weg aus Steinplatten, der zum Teil über die Wasserfläche und zum Teil über festen Untergrund führt. Die Steinplatten haben unterschiedliche Abstände, was dazu führt, dass man den Weg aufmerksam und vorsichtig gehen muss. Auf die andere Seite der Hauptachse, aber entlang dieser, setze ich einen dritten Baukörper. Dieser ist mit dem ersten Baukörper durch ein gemeinsames Glasfoyer und zusätzlich durch eine Überdachung über der Hauptachse verbunden. Das Ensemble dieser Baukörper bildet mein Haus.

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Abb. (14-25)

Das Leben ist ein Weg. Über dem Weg schaffe ich eine Überdachung, die mir Halt bietet. Diese Geste ermöglicht mir über einen längeren Zeitraum den Aufenthalt.

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Abb. (14-25)

Um die Geborgenheit in dem Baukörper mit der Wohneinheit noch zu erhöhen lege ich, eine diesen Raum umschließende Wasserfläche an dessen Seite an.

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Abb. (14-25)

Um ein Leichtigkeitsgefühl zu schaffen, lasse ich den zweiten Baukörper aus dem Berg auskragen. Das Schwebende verbinde ich mit der Kreativität und freiem Denken. So stellt dieser Abschnitt das Atelier da.

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Abb. (14-25)

Zwischen dem Wohnen und dem Atelier lege ich einen Weg an. Es ist ein besonderer Weg, weil er die zwei verschiedenen Lebensabläufe miteinander verbindet die mir wichtig sind. Er besteht aus Steinplatten die in unregelmäßigen Abständen nebeneinander liegen. Diese sollen mich darauf aufmerksam machen, was ich von meinem Arbeitstag mit nach Hause nehme und umgekehrt.

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Abb. (14-25)

Sowie die Schiffe an einem Steg halt machen, schaffe ich den dritten Baukörper entlang meines Weges. Dieser bietet einen Aufenthalt für einen Zeitraum.

Kapitel 6

Das Haus der Idee

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Abb. (15-25)

Die drei Baukörper haben eine 620 Quadratmeter große Gesamtfläche.

Mein Haus beinhaltet fünf verschiedene Hauptmaterialien. Die Außenstege und ein Teil vom Innenbelag bestehen aus Holz. Der andere Teil von Innenraum besteht aus Naturstein. Die Dächer von den drei Baukörpern sind aus Stahlbeton. Das vierte Material ist am Dach über dem Weg und besteht aus einer Holzkonstruktion mit einer Kupferbeschichtung. Die gesamte Fassade ist aus Glas auf einer Pfostenriegel-Stahlkonstruktion. Der Sichtschutz und der Sonnenschutz besteht aus beweglichen Holzlamellen. Die Innenwände sind zum Teil aus Massivholz, zum Teil Naturstein.

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Abb. (16-25)

Dieser Ausschnitt zeigt die Eingangssituation und das Atelier.

Die Auskragung des Podestes und des Daches zur Strasse hin wirkt einladend auf den Besucher. Das Atelier ist schlicht gehalten und in drei Einheiten aufgeteilt. In der Mitte befinden sich die Nasszelle und der Kochbereich. Rechts davon sitzt ein extrovertierter Raum und links davon der introvertierte Bereich. Unter dem Atelier befinden sich die Garage und ein Technikraum.
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Abb. (17-25)

Dieser Ausschnitt zeigt die Kinder- und Gästezimmer sowie einen großen Raum, den man je nach Bedarf definieren kann. Der dritte Baukörper kann als eigene unabhängige Wohneinheit genutzt werden. Hier befinden sich in der Mitte angesiedelte schlichte Räume, die man durch Schiebe-Elemente entweder in Richtung Innenhof oder nach Außen öffnen kann. Je nach Ausrichtung entsteht so zum hinteren Bereich des Gebäudes ein unterschiedlicher Weg.

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Abb. (18-25)

Dieser Ausschnitt stellt die Wohneinheit dar, welche Schlafzimmer, Badezimmer, die Sauna, die Küche und das Wohnen beinhaltet. Der Kamin in dem Wohnbereich bietet auf seiner Rückseite einen Ofen für die Küchenzeile. Eine ähnliche Doppelfunktionalität erreiche ich auch mit einem Becken im Badezimmer, welches einerseits Bade- und Duschwanne darstellt und anderseits durch einen gläsernen Boden einen Blick auf die darunter liegende Wasserfläche freigibt.

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Abb. (19-25)
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Abb. (20-25)

All diese im vorangehenden Text erwähnten Aspekte meines Entwurfes sind auch in den Schnitten noch einmal abzulesen. Die Auskragungen über die Wasserfläche und aus dem Berg heraus, der Wasserbezug, die Anordnung der Räume und der daraus resultierende Raumfluss, das Wechselspiel der einzelnen Körper des Ensembles und die klaren Formen des Entwurfes mit den gleich bleibende Raumhöhen.

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Abb. (21-25),

Einige Impressionen von bereits bestehenden Gebäuden.
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Abb. (22-25),

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Abb. (23-25),

Modelphotos

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Entwurfsrendering

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Epilog

Mein Diplom behandelt den Entwurf meines eigenen Hauses und ist somit ein sehr persönlicher Prozess gewesen. Ich habe in dieser Zeit festgestellt, dass wie im Leben auch die Sachen nicht kompliziert sein müssen um an Qualität zu gewinnen. Gerade die Einfachheit kann Raum für individuelle Interpretationen schaffen und einem die Freiheit geben sich immer wieder neu zu entfalten und nicht durch vorgegebene Formen in eine feste Richtung gelenkt zu werden.

Vielen Dank an meine Prüfer – Martin und Hakki,

an meine Arbeitskollegen – Jan Heinrich und Britta Muhs

an Jan und Agnes

an Krzysztof und Tomasz

an meine Familie

und an alle die mich unterstützt haben…